Netzwerk-Initiative "Spirituelle Krisen und Transformation"
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IMPRESSUM

von Joachim Busse

Der spirituelle Bewusstwerdungsprozess ist häufig mit einer langwierigen Aufarbeitung der eigenen Ich-Fixierungen verbunden. Dieser Prozess ist manchmal sehr frustrierend und wir können auf den Gedanken kommen, dass durch den Einsatz von Drogen der Weg abgekürzt und schnellere Resultate erreicht werden könnten. 

Im Verlauf der menschlichen Kulturentwicklung haben schon viele Zivilisationen bewusstseinsverändernde, halluzinogene Substanzen verwendet, um religiöse Riten oder schamanische Heilungs-Zeremonien erfolgreich durchzuführen. 

Dieses geschah (und wird auch heute noch, z.B. in der indianischen Native American Church praktiziert) im Kontext einer spirituellen Gemeinschaft, in der der Einzelne auf die häufig destabilisierenden und die Persönlichkeit auflösenden Zustände, die durch die Drogeneinnahme ausgelöst werden, vorbereitet wurde. In der Regel standen ihnen auch kompetente Leiter und Begleiter (Priester, Schamanen, ...) zur Seite, die mit den auftretenden Komplikationen vertraut waren und den Prozess in heilsame Bahnen lenken konnten. So erlebte der Novize oder Patient es als sinnvoll, wenn z.B. der Zusammenhang der äußeren Welt zerfiel und alle Versuche, die Auflösung des eigenen Ichs aufzuhalten, scheiterten. 

Häufig wurden die drogeninduzierten Zustände zur Vertreibung böser Dämonen (personifizierte eigene Ängste, Aggressionen usw.) oder zur Herbeirufung guter Schutzgeister (personifizierte eigene Liebe, Verzeihen usw.) genutzt, die in der halluzinogenen Wahrnehmung als sehr real erfahren wurden. Dieses Erleben konnte dann eine psychische und/oder körperliche Heilung einleiten. 

In unserer heutigen Zivilisation werden offiziell keine Drogen mehr für kultische oder religiöse Bräuche verwandt und auch ein „Schutzraum“ im Rahmen eines spirituellen Kontextes für den Einsatz halluzinogener Substanzen ist nicht mehr gegeben. Meistens werden Drogen nur im medizinischen Bereich zur Linderung psychischer und körperlicher Beeinträchtigungen eingesetzt und ihr sonstiger Gebrauch ist sogar verboten. 

Es dürfte heutzutage jedem bekannt sein, dass Drogen, zu denen auch Alkohol und Tabletten gehören, grundsätzlich schädlich sind, zu unnatürlichen Persönlichkeitsveränderungen führen und zur Sucht werden können. Dennoch ist der Missbrauch dieser Substanzen weit verbreitet und ein starkes gesellschaftliches Problem. 

Die Motivation zum Substanzen-Missbrauch ist selten spirituell oder religiös begründet, sondern eher ein Fluchtversuch vor eigenen und sozialen Unzulänglichkeiten. Anstatt dazu zu dienen, sich zu ergründen, sollen die Drogen helfen einen vorübergehenden, verklärten Blick auf die Realität zu erlangen. Am nächsten Tag findet das „böse Erwachen“ in die unveränderten realen Gegebenheiten statt, aber mit beeinträchtigten eigenen Fähigkeiten, ihnen zu begegnen, z.B. eingeschränkt durch starke Angst, verlangsamte Denkfunktionen, usw.. Das kann leicht das Bedürfnis zur erneuten Betäubung wecken und so in den Teufelskreis der Sucht führen. 

Aber auch spirituell begründeter Drogengebrauch ist sehr fragwürdig. Wir sollten nicht versuchen unseren Transformationsprozess durch die Einnahme von Drogen zu beschleunigen oder zu unterdrücken, sondern ihn sich selbst in seinem natürlichen Rhythmus entwickeln lassen. Eine Ausnahme ist es natürlich, wenn die Komplikationen pathologische Ausmaße annehmen und wir ärztliche Hilfe benötigen. Ansonsten sollten wir versuchen, alle Kontrollversuche aufzugeben. 

In unserem ich-gesteuerten Leben haben wir versucht, durch Kontrolle Sicherheit zu erlangen und mussten zwangsläufig scheitern, denn das Leben entfaltet sich in solch unendlich vielfältigen Variationen, dass es letztlich weder zu kontrollieren, noch zu meistern ist. 

Auf der Ebene unserer inneren Erfahrungen finden wir mehr als Sicherheit. Indem wir die Ergebnisse unserer Bemühungen loslassen und dem Wirken einer Höheren Macht übergeben, können wir entspannen und finden immer wieder Ruhe. 

So kann in uns allmählich die Zuversicht wachsen, dass alles einem tieferen Sinn und Plan zufolge abläuft und einem erfüllenden Ziel zustrebt. Wir entdecken unser "grundsätzliches Gutsein", wie es Chögyam Trungpa ausdrückte und fassen Vertrauen in unsere wahre Natur. 

Es besteht immer die Gefahr, dass wir versuchen unsere Entwicklung gewaltsam voranzubringen und zu puschen, z.B. durch Drogen oder auch durch exzessives Meditieren oder irgendwelche obskuren spirituellen Praktiken. Möglicherweise ist die einzige Folge solcher Bestrebungen, dass wir in eine noch tiefere Spirituelle Krise geraten und geistig oder körperlich krank werden. Es lässt sich nichts erzwingen und unsere einzige Chance liegt im Geschehenlassen und dem Begrüßen von dem, was auch immer erscheint, auch wenn über einen Zeitraum, der uns ewig erscheint, sich nichts Neues zeigt. 

Wenn wir den Versuchungen widerstehen und geduldig ausharren, entwickelt sich in uns etwas, das spirituelle Meister die "zweite Aufmerksamkeit" nennen. Die "erste Aufmerksamkeit" organisiert das oberflächliche Leben und dient zur Bewältigung anstehender Aufgaben. Die "zweite Aufmerksamkeit" organisiert die tieferen Ebenen aus einer umfassenderen Perspektive. In ihr wurzeln Intuition und Weisheit, die in uns das Gefühl entstehen lassen, geliebt und umsorgt zu sein. Dadurch wird die Einsamkeit der inneren Welt gemildert. 

Allmählich treten dann bestimmte, typische Eigenschaften der geistigen Welt auf. Gottes Mühlen mahlen bekanntlich langsam, aber unheimlich fein. 

Eine Eigenschaft, die sich zeigt, ist gegenwärtig zu sein – wir sind wach. Als Buddha nach seiner Erleuchtung gefragt wurde: Was bist Du? Bist Du ein Weiser, ein Lehrer oder ein Gott? antwortete er: Ich bin wach. Präsenz oder Gegenwärtigkeit wird also eine unserer Eigenschaften. 

Eine andere Eigenschaft, die wir entwickeln können, ist annehmend zu sein. Das bedeutet, dem zuzustimmen, was ist, immer einschließend und nie ausgrenzend. 

Eine weitere Eigenschaft ist, ganz offen zu sein, ohne Vorstellung, konzeptlos – ohne zu wissen, was geschehen wird, keine Vorliebe zu haben. Dies bedeutet auch, ohne Ziel zu sein, keine Kontrolle zu haben, sich hinzugeben an die augenblickliche Wahrheit, an das, was sich jetzt entfalten will, von Innen heraus. 

Wir müssen nichts tun, damit sich diese Eigenschaften entfalten, wir müssen höchstens etwas lassen. Sie entfalten sich von selbst. Wir wissen nicht, wie sich unsere wahre Natur entfalten will. Es bleibt uns nur zu vertrauen und uns immer wieder in den Augenblick hinein zu entspannen. 

Durch den Einsatz von Drogen würden wir diesen natürlichen Prozess behindern oder sogar vereiteln. Es macht einfach keinen Sinn, zu versuchen, durch Drogen oder irgendwelche obskuren Praktiken einen spirituellen Kick nach dem anderen zu erlangen. Dadurch wird unser Geist immer aufgeregter und verzehrt sich in süchtigem Verlangen nach Licht, Liebe und Einheit, die doch nur in der Stille zu finden sind.

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