Netzwerk-Initiative "Spirituelle Krisen und Transformation"
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Spirituelle Krisen

von Maria-Anne Gallen (2006)

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Phänomenologie - Erscheinungsbild

Viele Menschen sind in der heutigen Zeit auf der Suche nach Erfahrungen, die ihrem Leben Sinn und Bedeutung geben können und möchten die tieferen und verborgenen Bereiche ihres Daseins erkennen. Dabei treffen sie auf ein unübersehbares Angebot an esoterischen und spirituellen Praktiken und Lehrern und Lehrerinnen, die sie unterrichten. Irgendeine Person oder eine bestimmte Praxis ziehen einen besonders an, man läßt sich vertrauensvoll darauf ein, ohne übersehen zu können, wohin die "innere Reise" führt. Nicht selten werden dabei extreme und außergewöhnliche Erfahrungen gesucht. Solche Bewusstseinserfahrungen (die das Gewohnte und Bekannte übersteigen) können - vor allem, wenn sie den Praktizierenden unvorbereitet treffen - die Stabilität unserer Psyche auf eine enorme Probe stellen und für gewisse Zeit stark beeinträchtigen. Die gleiche Wirkung haben bisweilen auch extreme (oft traumatische) Lebenserfahrungen, deren Intensität zunächst nicht verarbeitet werden kann (z.B. Geburt, Nah-todeserfahrung, Unfall, schwere Krankheit, sexuelle Erfahrungen). Für solche Phänomene hat sich der Begriff "Spirituelle Krise" (engl. "spiritual crisis") bzw. "Spiritueller Notfall" (engl. "spiritual“ emergency") eingebürgert.
Die Symptome, die mit einer solchen Krise einhergehen, können in Form von physischen Störungen, (z.B. Rücken-, Kopf-, Gliederschmerzen, Muskelzittern, vegetative Symptome, Fieber) und/oder in Form von psychischen Störungen (z.B. ekstatische Zustände, Halluzinationen, Illusionen, Ängste, Depressionen) auftreten. Sie verschwinden in der Regel erst dann wieder, wenn die außergewöhnlichen Erfahrungen körperlich und seelisch verarbeitet und in den eigenen Lebenszusammenhang integriert worden sind. Eine solche Verarbeitung und Integration kann, je nach dem Ausmaß der "Erschütterung", Tage, Monate oder viele Jahre in Anspruch nehmen. Meist werden von den betroffenen Personen tiefe Einsichten und ein Zuwachs an Verstehen erlebt, deren Wahrheitsgehalt so eindrücklich ist, dass ein neuer Sinnzusammenhang entsteht.
Häufige Themen im Rahmen solcher Krisen sind (nach Lukoff): 1. Der Tod, Todeserfahrungen 2. Wiedergeburt 3. Eine (innere) Reise 4. Begegnungen mit Geistwesen 5. Kosmische Konflikte 6.Magische Kräfte 7. Erneuerung der Gesellschaft 8. Vereinigung mit dem Göttlichen. Spirituellen Krisen wird ein starkes Heilungs- und Veränderungspotential nachgesagt (z.B. Grof & Grof), eine gelungene Verarbeitung führt zu einem gestärkten Selbst- und Identitätsbewusstsein und einem größeren Engagement im Bereich gesellschaftlicher Verantwortung.

Deutungsmodelle

Beschreibungs- und Deutungsmodelle solcher schwieriger Transformationserfahrungen variieren entsprechend dem weltanschaulichen (religiös, esoterisch, wissenschaftlich etc.) und kulturellen Hintergrund erheblich. Nicht selten wird das gleiche Erleben, das in einem modernen wissenschaftlich-medizinischen Kontext als krankhaft (pathologisch) gewertet wird, in anderen Zusammenhängen (z.B. einer Yoga-Tradition) als Zeichen spirituellen Fortschritts gedeutet. Dementsprechend ergeben sich natürlich auch unterschiedliche Vorschläge, wie die "Störung behoben" (pathologische Sichtweise), bzw. "die spirituelle Erfahrung unterstützt" (spirituelle Deutung) werden kann. Die Person, die ein oder mehrere solcher Erlebnisse hatte, wird immer nach einem für sie sinnhaften und nachvollziehbaren Verstehenszusammenhang suchen. Wenn sie selbst das Erlebte als eine spirituelle Erfahrung erkennt, wird jede andere Deutung als Abwertung empfunden und meist zutiefst kränkend erlebt. (Nichts ist so verletzbar wie religiöse Gefühle!) Für die Überwindung der Krise ist die Einordnung des Erfahrenen in ein positives Gesamtverstehen unerlässlich. Modelle dafür bieten die mystischen Traditionen aller Weltreligionen (z.B. die "dunkle Nacht" des christlichen Mystikers Johannes v. Kreuz), aber auch die Lehren jahrhundertealter Traditionslinien, die spirituelle Praktiken (mit oder ohne religösem Hintergrund) unterrichten. Auch moderne psychologische Sichtweisen, die solche Krisen als Entwicklungsphänomene verstehen, können dabei nützlich sein.

Ausgewählte Literatur:

Bragdon, E.: Spirituelle Krisen. Wendepunkte im Leben. Freiburg, 1991.
Grof, C.& Grof, S.: Die stürmische Suche nach dem Selbst. München, 1991.
Grof, S.& Grof, C.: Spirituelle Krisen. Chancen der Selbstfindung. München, 1990.
Harrigan, J.S.: Kundalini Vidya - The Science of Spiritual Transformation. A Comprehensive System for Understanding and Guiding Spiritual Development. Knoxville, TN, Fifth Edition, August 2002.
Kornfield, J.: Das Tor des Erwachens. München, 2001.
v. Kreuz, J.: Die Dunkle Nacht. Freiburg, 1995, 3.Aufl
Lukoff, D.: From Spiritual Emergency to Spiritual Problem: The Transpersonal Roots of the New DSM-IV Category. Journal of Humanistic Psychology, 38(2), 21-50, 1998